Es war eine gute Woche, letzte Woche. Mein Roman „Der Wald“ ist erschienen (der kleine Felix ist übrigens auch erschienen, an genau demselben Tag, was mich in aller Stille glücklichst macht, aber das ist eine völlig andere Geschichte, das ist etwas sehr Privates, das füge ich hier nur ein, weil es halt doch raus muss aus mir, und wir sind hier ja unter uns). Jedenfalls, der Roman: Thriller, Roman Noir und Liebesroman gleichzeitig. Es geht darin um schwindelerregend teure Streichinstrumente, Stradivaris, Guarneris und so weiter. Ich habe dafür über die Jahre sorgfältig recherchiert und erinnere mich noch gut an einige Tage aus – ich weiß gar nicht mehr welches Jahr. Haptisch waren diese Recherchen jedenfalls super.

Ich legte meine Hand zum Beispiel ans Leder des Gouvernals eines Rolls Royce. Das aber nur nebenbei, denn mit der Buch-Recherche hatte es nichts zu tun. Da ging es um eine Geschichte für ein Magazin, das einmal im Jahr der Tageszeitung „Der Standard“ beigelegt wird. Nicht, dass Sie jedenfalls glauben, ich fuhr mit dem Rolls spazieren. Allein der Gedanke an die finale Überforderung meines Kontos durch einen Kratzer im Lack hätte mich frösteln lassen. Aber ich saß, umrundet von duftendem Leder, tief unten in der Katakombe einer Wiener Privatgarage, sah auf die fein ziselierten Armaturen des Rolls vor mir und ließ mir von seinem Besitzer erklären, wie er samt Familie damit einige wenige Male im Jahr sonn- oder feiertägliche Ausfahrten abwickelt. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man nur ein paarmal im Jahr mit so einem Auto fährt, wenn man schon eines besitzt, nun ja. Es ist so:  Der Spitzenmanager, bei dem ich zur Recherche zu Gast war, hat nicht nur den Rolls. Er hat auch einen Ferrari. Einen Maserati. Einen Aston Martin im Renn-Trimm. Vier oder fünf Porsches. Einen Lamborghini. Und so weiter. Und da gibt dir dein Fuhrpark dann halt ganz schön was zum Überlegen auf, wenn du wegfahren willst:

Verdammt, welchen nehmen wir denn heute?

So ein Stress. Willst du nicht haben. Dann lieber arm sein. Verarmter Schriftsteller zum Beispiel, so wie ich halt. Aber kommen wir nun zum Roman und den Stradivaris.

Ich hatte einen Wiener Geigenbauer aufgesucht, der völlig unscheinbar in einem von außen ein bissl heruntergekommen aussehenden Haus lebt. Innen ist die Sache eine ganz andere, da kommt alles ziemlich beeindruckend daher, aber du willst halt nicht so auffallen, wenn du Millionenwerte in deinem Schuppen stehen hast. Understatement ist die beste und günstigste Versicherung. Ich hielt da im Zuge des Gesprächs jedenfalls etwas in der Hand. Es war honigbraun und zärtlich glänzend wie ein warmer früher Herbsttag, wertvoller als alle Autos aus der Privatgarage zusammen, und zart besaitet wie nicht von dieser Welt: eine Stradivari.

Geigenbaumeister R erzählte mir vom Zauber der noblen und nobelsten Geigen des Globus und der Geschichte: Amatis, Guarneris, eben Stradivaris, auch jene des Tirolers Jakob Stainer, der als einziger mit den italienischen Geigenbaumeistern mithalten konnte. Mitten im Satz stand er auf, tanzte zwei Schritte auf eine Wand zu, die sich als eine schwere Stahl-Flügeltüre eines Tresors herausstellte, öffnete, flippte mit leichter Hand aus einer eingebauten Lade eine Geige hervor, hielt sie mir hin und sagte:

Nehmen´S einmal.

Ich nahm und hielt das schöne Ding – zart geflammt der Rücken, sanft geschwungen die Schnecke, tiefschwarz die Beeren der f-Schlüssel – mit der kindlichen Bewunderung eines musikalisch völlig untalentierten nicht-Instrumentalisten ungelenk in der Hand und hatte eine rechte Freude, denn sogar ich konnte erkennen: Dieses Instrument hatte was.

Na, wie fühlt sich so eine Stradivari an?, fragte R und grinste schelmisch wie ein kleines, freundliches Teuferl.

Ich ließ vor Schreck fast los, denn mir war klar: So viel Geld, wie ich jetzt gerade in der Hand halte, verdiene ich in zehn Leben nicht. Und so viel Kunst, das vor allem, würde sich nie wieder von mir berühren lassen. Ich erzähle Ihnen hier nichts vom wirklich wunderbaren Gefühl, das dich verzaubert, hältst du eine Stradivari in der Hand, doch ich sage Ihnen:

Das ist etwas, das bleibt einem.

Sie finden so eine ähnliche Szene übrigens, weil ja Recherche, im Roman vor: Die erfundene, unendlich begabte irische Cellistin Niamh Ní Bhfriain begibt sich da in einen tief unten in einem unscheinbaren Bürgerhaus im holländischen hin Städtchen Leiden liegendenTresorraum, und …
Aber lesen Sie das selbst, der Roman ist ja mittlerweile erschienen und Sie können ihn hier online bestellen, einfach klicken.und Sie werden zum Buchhändler Amazon weitergeleitet. (Sie können natürlich auch in die Buchhandlung Ihres Vertrauens gehen und das Taschenbuch dort mit der ISBN 978-3200111875 bestellen.)
Ein wenig verrate ich Ihnen hier noch im Voraus, Sneak Preview sozusagen, um Ihnen Gusto zu machen: Ich erzähle Ihnen im Episodenroman „Der Wald“ nicht nur eine Geschichte von teuren Streichinstrumenten, von Mord und Totschlag, von internationalen Finanzverwicklungen, einem wilden Griss aller um alles, von bösen Trusts, von der versponnenen Wissenschafterin Henriette, dem grundehrlichen Triestiner Segellehrer Ernesto, dem Gentleman-Gauner Angelicus und von einem verlorenen Österreicher mit holländischem Namen zwischen all dem, einem Berufskollegen von mir. Ich erzähle Ihnen die Geschichten von Menschen und ihrem Kampf um Glück, Macht, Leben und Liebe, wir wir ihn alle zu kämpfen haben.

Ich hoffe sehr, Sie kaufen sich das Buch. Damit mir vom Thema Stradivari und so weiter doch auch finanziell etwas bleibt.

Vor Jahren, wir hatten gerade Pandemie und Spazierengehen in der Einsamkeit war das einzige, was die ansonsten völlig versagende Regierung den Menschen erlaubte, erhielt ich einen Auftrag. Die Chefredactrice des Magazins „Freizeit“, das immer am Samstag der Tageszeitung Kurier beiliegt, bat mich darüber zu schreiben, wie es denn so ist, durch Wälder zu spazieren. Durch Wälder spazieren und darüber schreiben? Das machte mich zunächst einmal ratlos. Doch ich wusste mir zu helfen.

Ich ließ mich inspirieren.

Ein von mir sehr geschätzter Kollege aus Deutschland schrieb eine großartige Story für die FAZ, wie er einen ganzen Tag im Wald verbrachte, einfach so. Das hat was, dachte ich mir: In Zeiten der Pandemie ist eh irgendwie der Wald unsere letzte Zuflucht der Freiheit. Also, warum nicht einmal eine Geschichte über Österreichs Wälder recherchieren, die derzeit von uns Menschen regelrecht gestürmt werden, weil sonst ja so wenig Herumtreiberei erlaubt ist. Können wir sonst nirgendwohin gehen, gehen wir in den Wald halt.

Aus der Recherche wurde in der Folge nicht für eine grundsätzliche Geschichte zum Thema Wald, sondern darüber, wie wir Menschen mit den Waldbewohnern, also den Tieren, koexistieren können, wenn wir deren Wohnzimmer mit unserer Präsenz fluten. Das war eh tatsächlich die bessere Story zur momentanen Situation, bemerkte ich rasch. Also machte ich mich ans Werk.

Ich habe zu erzählen, und das ist immer noch gültig: Es ist alles in allem ziemlich unschön, was wir Menschen im Wald so anrichten.

Irgendwie benehmen wir uns dort nämlich nicht so richtig gut. Das ginge rücksichtsvoller. Die gute Nachricht jedoch: Der Wald hält viel aus. Er hält sogar uns aus. Wenn wir uns ausschließlich auf Wegen bewegen und Hunde an die Leine nehmen, kann nicht viel passieren. Der Wald und die Tiere des Waldes überstehen dann sogar die menschliche Monsterwelle. Bloß Radeln im Wald ist wirklich, wirklich böse und wirklich, wirklich verpönt. Und Schwammerlsuchen, bitte: höchstens in Maßen, nicht in Massen.

Also: Mountainbiker! Pilzfreaks! Vernehmt ihr die Botschaft? Reißt´s euch gefälligst zusammen.

Ich sprach für die Story nicht nur mit dem obersten Jäger Österreichs, sondern auch mit dem Chef-Waldmenschen der Bundesforste sowie mit der Wald-Auskennerin des WWF. Sie alle baten mich händeringend darum, in meiner Geschichte doch auch ein paar Hinweise zu veröffentlichen, wie wir Menschen uns im Wald richtig benehmen. Wer bin ich, dass ich das ablehnen könnte. Ich fand zum Beispiel bei meinen Recherche-Spaziergängen durch ein paar Wälder neben diversem anderen Zeugs, das dort nicht hingehört, tatsächlich auch einen Golfball. Einen Golfball! Mitten im Wald. Gelb war er auch noch. Das geht aus zweierlei Sicht gar nicht: Einerseits soll man im Wald nichts zurücklassen, was man dorthin mitgebracht hat, Golfbälle schon gar nicht. Und andererseits soll man, wenn man die Sache ernst nimmt, nicht mit gelben Bällen Golf spielen. Ein Golfball hat weiß zu sein, punktum. Das aber nur nebenbei.

Ich fügte Geschichtlein im damaligen Freizeit-Kurier, das ich „Im Wohnzimmer der Tiere“ nannte, insgesamt acht Tipps bei, wie Sie sich verhalten sollen, damit Sie im Wald alles richtig machen.

Meine Bitte dazu, weil wir ja in unseren zusehends heißen Sommern immer öfter die kühlen Wälder aufsuchen und dort leider manchmal ganz ordentlich umrühren: Auch wenn Sie vielleicht nicht immer alles richtig machen, benehmen Sie sich im Wald. Dessen Tiere und ich danken es Ihnen.

Greta Thunberg und all diese Klimaschützer, die in den vergangenen Jahren draufgekommen sind, dass Kurzstreckenfliegen der Umwelt schadet, die kosten mich nur ein nachsichtiges Grinsen. Ich praktizierte das schon vor Jahrzehnten. Zum Beispiel Türkei-Aufenthalt vor gut 40 Jahren im Frühling, die Strecke Izmir-Wien im Flieger – auf keinen Fall. Natürlich könnten Quengler anmerken, dass das womöglich weniger am Klimabewusstsein und mehr am denkbar schmalen Studentenbörsel lag, aber wir wollen solch Nörgelei nonchalant beiseite schieben. Kein Flugzeug jedenfalls. Ich fuhr mit Bus, Schiff und Zug, war hin und zurück jeweils gute drei Tage unterwegs und erlebte durchaus das eine oder andere Seltsame.

Es begann in Çesme, jenem kleinen Örtchen an der türkischen Ägäisküste, das heute wahrscheinlich eine veritable Touristenhochburg ist, damals aber verschlafen wie eine fette Katze war. Koch Bülant weigerte sich, mir die geborgten tausend Schilling zurückzugeben, die eiserne Reserve meines Reisebudgets. Heute wären das nicht einmal 75 Euro. Ich hatte den Mann, der im Winter immer in Wien als Gastarbeiter werkte und im Sommer sein eigenes türkisches Restaurant direkt am Wasser betrieb, im Studentenlokal „Selbstverständlich“ vor den Toren der alten WU im neunten Bezirk in Wien kennengelernt, wo Bülant in der Küche Dienst tat. Man war ins Gespräch gekommen und hatte schließlich vereinbart, dass ich ihm ein Monat lang bei der Vorbereitung seines Restaurants in Çesme auf den sommerlichen Gästeansturm wohlhabender Türken aus Izmir gegen Kost und Logis helfen würde.

Bülant hatte seinen winterlichen Wiener Gastarbeiter-Kochlohn in diverse gebrauchte mitteleuropäische Gastronomie-Geräte und einen VW-Bus investiert, für den das Wort Altersschwäche eine fast schon kriminelle Schönfärbung seines tatsächlichen  Zustandes gewesen wäre. Damit wollte er die gewaltige Industriegeschirrspüler-Gastroherd-Kombi, die er Gott weiß wo akquiriert hatte, einen monströsen Kühlschrank, rund 93.000 Töpfe und Pfannen, sich selbst und auch mich per 2500-Kilometer-Teufelsritt aus Österreich in die Türkei exportieren. Er hatte gerade noch genug Bargeld für das Benzin. Für die Unmengen an Marlboro-Zigaretten, die es für das Geschmeidigmachen des allem Anschein nach recht komplexen Grenzübertritt-Procedere von Griechenland in die Türkei – mit einem halben Restaurant hinten drin im Lieferwagen – brauchen würde, fehlte in der Folge das Kapital. Bülant hatte mich daher um den größeren Teil meines Reisebudgets als Kredit gebeten, damit wir überhaupt in die Situation kommen würden, an einen entfernten Ort zu gelangen, von dem aus ich irgendwann dann wieder meine Rückreise antreten könnte.

Grenzkontrolle Türkei, oioioi, nix Marlboro, nix geht sowieso, hatte Bülant in seinem radebrecherischen Türkendeutsch gesagt.

Und ich hatte verstanden: Es würde dem Anschein nach wohl ein wenig – oder eher vermutlich sogar mehr – Bestechung vonnöten sein, und diese würde in der Währung Marlboro-Zigaretten zu erfolgen haben, deren Anschaffung in größerem Rahmen daher zwingend notwendig war. Ich ließ den Tausender rüberwachsen.

Ich merke gerade, die Geschichte unserer Dreitagesfahrt von Wien nach Cesme im VW-Bus, in dem streng genommen fast nichts mehr einwandfrei funktionierte und der von gut einer Tonne Wiener Gebrauchtgastronomie zusätzlich ordentlich in die Knie gezwungen wurde, ist wahrscheinlich eine eigene Story. Wölfe spielen darin eine Rolle, ein Muhezin, ein Motorschaden, Marlboros kettenrauchende Grenzbeamte, haufenweise Baklava, eine schöne junge Türkin sowie ihre gesamte männliche Familie und anderes – ich werde Ihnen einmal in einem gesonderten Blogpost davon berichten.

Jedenfalls, ich hatte, als ich Wochen später wieder nach Hause wollte, mit Bülant schwer um die Rückgabe meiner tausend Schilling zu kämpfen. Hätte ich ihm nicht damit gedroht, mit meinem letzten Hunderter zwei der Dutzenden Arbeitslosen anzuheuern, die in der Hauptstraße von Çesme praktisch ständig in den Cafés herumlungerten und auf Gelegenheitsjobs warteten, und sie dann in finsterer Nacht sein frisch auf Vordermann gebrachtes Lokal am Strand abfackeln zu lassen, ich hätte mein Geld wohl nie wieder gesehen.

Was?, werden Sie nun zu Recht entsetzt aufheulen, der hätte wirklich …, nur um …?

Naja, einerseits: schon.

Ich war zu diesem Zeitpunkt immerhin bereits fünf Wochen in der Türkei, als das Land noch zu den Armenhäusern Europas zählte, in einer Gegend, in der Europäer kaum auftauchten und milde Formen von Blutrache eher den Normalbetrieb darstellten. Kurz, die Sitten dort waren nicht unrauh. Da wird man dann selbst schon auch ein wenig räudig, vor allem wenn man noch jung ist. Und ich hatte dieses ins-Dorf-fahren-und-arbeitslose-Einheimische-für-wenig-Geld-zu-schwerer-Arbeit-anheuern schließlich in den vergangenen Wochen während der Restaurantrenovierung oft praktiziert. Bülant selbst hatte es mir beigebracht, die Dorfleute kannten mich schon und freuten sich, wenn sie mich sahen, denn dann gab es meistens Arbeit und ein wenig Geld. Mit Sicherheit hätte ich problemlos zwei, drei Typen gefunden, die skrupellos genug gewesen wären, für jeweils ein bissl Fremdwährung gekonnt zu zündeln.

Andererseits natürlich: eh nicht.

Ich hatte mir nämlich ausgerechnet, dass die bloße Drohung, entsprechend ernst über die Rampe gebracht, Bülant womöglich genug beunruhigen würde, mir mein Geld zurück zu geben. Auch wenn ich damals als Student immer noch sehr der schüchterne Nixgneißer aus dem Gymnasium war, im Bedarfsfall konnte ich trotzdem recht überzeugend rüberkommen. Es dauerte genau eine halbe Stunde und Bülant rückte mit dem Tausender an, von dem er mir zuvor wortreich erklärt hatte, dass er gar nicht mehr vorhanden sei, den er dann aber in der Not einer drohenden Feuersbrunst eben doch ziemlich schnell aus irgendeiner seiner türkischen Küchenladen gezaubert hatte.

Ich war wieder liquid.

Vor mir lagen zwar anstrengende zehn Kilometer Fußmarsch mit schwerem Rucksack, weil Bülant sich nach meiner Geldwiederbeschaffungsaktion weigerte, mich im VW-Bus, den die Schotterwege in und um Çesme noch klappriger werden hatten lassen, zur Anlegestelle der Fähre in den Ort zu fahren.

Anlegestelle deshalb, weil mir der 150-Kilometer-Weg per Bus von Çesme nach Izmir mit 30 oder 40 mitfahrenden Türken, von denen Bülant womöglich 99 Prozent bestochen hatte, mir den Tausender wieder abzunehmen, doch zu riskant schien. Ich hatte mich daher für den Seeweg nach Hause entschieden, die Route: Fähre-hinüber-nach-Chios und dann Fähre-Chios-Athen und dann werden-wir-schon-sehen. Zweifellos ein Abenteuer, denn bedenken Sie: Es gab damals weder Internet noch Handys, und sich aus dem türkischen Provinzkaff Çesme, in dem wahrscheinlich insgesamt nicht mehr als zwei oder drei Telefone vorhanden waren, über Zugfahrpläne Athen-Wien schlau zu machen, das war etwas, das meine damaligen Fähigkeiten als Publizistik-Student überstieg. Daher: erst einmal irgendwie rüber zur griechischen Insel Chios, die man vom Hafen in Çesme aus sogar stumpf am Horizont erkennen konnte, und dann per Linienfähre, die es wohl geben würde, weiter.

Als ich an der Anlegestelle in Çesme ankam, war ich fertig. Zehn Kilometer bei 35 Grad und mit 20 Kilo hinten drauf hatten mich mürbe gemacht. Ich konnte das herzhafte Lachen des erstbesten Türken, den ich nach der Fähre fragte, daher nicht gut deuten. Ich nahm an, er hielt mich einfach für einen Trottel, den irgendein kurioses Schicksal hierher geschwappt hatte, wo blonde Europäer – ja, ich hatte damals noch Haare, recht viele sogar – selten bis gar nie auftauchten. Als der zweite, der dritte, und dann auch noch der vierte Einheimische, den ich fragte, ähnlich reagierten, begann ich nachzudenken.

Nämlich Çesme – Provinznest, null Tourismus. Außerdem türkisches Festland und Chios griechische Insel, wo die Türkei und Griechenland doch wegen der Zypern-Angelegenheit und ihrer ganzen problematischen Geschichte so etwas wie beste Feinde waren.

Warum ich geglaubt hatte, dass es da so etwas wie eine reguläre Fährverbindung geben würde, war mir plötzlich selbst schleierhaft. Das Schild „yolcu“ oder so ähnlich, das ich immer wieder einmal gesehen hatte, wenn ich am Hafen gesessen war, war wohl mehr bloße Angeberei. Außerdem weiß ich heute, dass es in bestimmten Zusammenhängen frei übersetzt nicht nur Passagierschiff oder so ähnlich bedeuten kann, sondern auch Todeskandidat, was mir damals sicher zu denken gegeben hätte.

Wie auch immer, es stellte sich heraus: Yolcu war der Kahn eines alten Türken, der so aussah (der Kahn, nicht der Türke), als wäre Bülants VW-Bus im Vergleich dazu ziemlich gut in Schuss. Außerdem sah er so aus (der Türke jetzt, nicht der Kahn), als wäre er mit seinem schwimmenden Schrotthaufen bereits zehnmal untergegangen und nur deshalb wieder aufgetaucht, weil der türkische Hades lieber nichts mit ihm zu tun haben wollte. Der Käptn des Yolcu okkupierte meinen letzten Hunderter mit großer Freude, gab mir für ungefähr 30 Schilling türkische Lira als Wechselgeld heraus, nahm für die 20-Kilometer-Überfahrt also wahrscheinlich den zehnfachen Gegenwert seines Bootes, und wir stachen in See.

Ich habe den Großteil meiner Erinnerungen an diese Überfahrt verloren, Verdrängung ist ein wirklich wunderbarer Schutzmechanismus des Gehirns. Ich kann Ihnen davon also nur erzählen, dass ich noch weiß, wie ich mir dachte, als die türkische Küste hinter dem Heck ungefähr gleich diffus in der Entfernung schimmerte wie die Insel Chios vor dem Bug, dass Schwimmen womöglich die bessere Lösung gewesen wäre. Und ich weiß auch noch, dass ich nicht nur sehr erstaunt war, als wir tatsächlich in Chios ankamen – sondern auch, dass der Mann direkt den Hafen ansteuerte. Ich hatte schon damit gerechnet, im besten Fall irgendwo außerhalb des Inselhauptortes an Land gespült zu werden und mich auf einen neuerlichen Fußmarsch vorbereitet.

Auf jeden Fall, erste Etappe der Abenteuerfahrt Çesme-Wien, abgehakt. Ich war in Chios auf der Insel Chios.

So etwas wie eine Passkontrolle gab es nicht, trotz aller Feindschaft schienen die Türken und Griechen das damals durchaus, naja, sagen wir: südländisch zu handhaben. Ich war einfach da und allen war es wurscht. Den alten türkischen Käptn sah ich mit seinem Yolcu gefährlich schlingernd in Richtung Horizont retour schwappen, um den Gegenwert von zehn Yolcus reicher, aber ich bezweifle, ob er daraus etwas machen konnte. Ich habe ihn nie wieder gesehen und neige zur Interpretation, dass der Hades ihn dieses Mal, da er ja nun eine für türkische Verhältnisse erhebliche Barschaft mit sich führte, durchaus haben wollte.

Also Chios. Ich suchte mir eine Bank, was gar nicht so leicht war, weil die sich in vor-Tourismus-Zeiten auf griechischen Inseln oft als Restaurants tarnten, oder die Restaurants als Bank, oder auch beide beides waren, was weiß ich. Ich wechselte die Hälfte meines Tausenders in Drachmen, fragte den Erstbesten nach der nächsten Fähre nach Athen und wunderte mich über die Antwort:

You see it when it comes, sagte er.

Sicherheitshalber konsultierte ich den Zweitbesten, so ein bissl wie mit komplexer Krankheit beim Arzt: eine alternative Meinung einholen. Er sagte:

Oh ναι, impossible to miss, big boat.

Auch gut, ich ging zurück in die Bank oder zum Restaurant, was auch immer, kaufte mir am Schalter oder der Bar, was auch immer, eine Flasche Maphrodaphne und eine Flasche Mineralwasser, setzte mich auf die Kaimauer und nervte Vorbeigehende bei jedem größeren Schiff, das einlief, mit der Frage, ob das jetzt die Fähre …

Sie alle sagten ungefähr:

όχι, όχι, wait for the big boat.

Beim zehnten oder zwölften Mal begann mich das zwar zu nerven, doch der Maphrodaphne tat seine Wirkung, ich wurde gelassen, das hellenische Rundherum wurde weich. Ich, jetzt entspannt wie ein Grieche, saß einen ganzen halben Tag da, oder auch einen halben ganzen Tag, wie man´s nimmt, und als die riesige, also: die wirklich riesige Autofähre am Horizont groß wie ein Flugzeugträger den Himmel verdrängte, wusste ich:

Jetzt geht´s bald weiter.

Vor Jahren, mitten in der Corona-Pandemie, beschäftigte ich mich in der Magazin-Beilage Werte mit Zukunft der Tageszeitung Der Standard mit der Ruhe nach dem Sturm. Was das bedeuten soll? Es ist doch so: Uns alle ging dieses Dingsbums mit dem Virus, den Lockdowns, den hilflosen politischen Entscheidungsträgern und den vielen Einschränkungen sehr auf die Nerven, oder? Wen man auch fragt, selbst heute noch, fast jeder jede sagt ungefähr: Oh Mann, sehnte ich mich damals nach einer Zeit, in der der Sturm vorbei ist. In der wir wieder zur Ruhe kommen können, weil wir nicht mehr zur Ruhe gezwungen werden.

Also dachte ich mir damals, wenn ein Magazin schon Werte mit Zukunft heißt, was ja recht gespreizt bis gespritzt klingt, dann könnte man sich doch ein wenig mit jenen alten Werten auseinander setzen, die ins Hintertreffen geraten sind, weil wir heutzutage alle superreich, superlässig, supersexy, supercool und super angesehen sein wollen.

Dementsprechend beschäftigt sind wir auch ständig mit dem Organisieren des eigenen Lebens als eine Bühne, auf der wir tunlichst zu brillieren imstande sein wollen. Dauernd arbeiten wir an der Inszenierung und Instandsetzung einer möglichst großartigen Welt um uns herum, die voller Bewunderung für das Ego des jeweils Inszenierenden ist – also unseres. Doch wird diese Welt unversehens gestoppt, zum Beispiel eben von Lockdowns, dann ist es schnell einmal finster. Dann wird man umstandslos auf sich selbst zurück geworfen, nur um entdecken zu müssen: Da ist leider gar nicht viel. Weil das Drumherum alles war. Da beginnt man schnell, sich wieder auf eben diese alten Werte neu zu kalibrieren, die ja theoretisch immer noch vorhanden wären, die wir jedoch sanft verdrängt haben:

Muße, Ruhe, Besinnung auf sich selbst, und so weiter. Sie wissen schon.

Kein Wunder, dass am Ende des dritten oder vierten oder was weiß ich wievielten Lockdowns, die Immobilienpreise am Land durch die Decke gingen, weil alle aus der verordneten Enge der Stadt in die Weite eigener Gärten, Häuser oder gar Wälder ins Grüne wollten. Die Landflucht mutierte plötzlich zur Stadtflucht. Das ist auch heute noch ansatzweise so.

Und da ist es natürlich gut, wenn du irgendwas im Hinterland in der Hinterhand hast. Und genau darum ging es in der Geschichte: ums Aussteigen. Temporär oder permanent.

Ich sah mich in der Szene um, sprach auch mit ein paar Aussteigern, diskutierte mit Teilzeit-Flüchtigen aus dem Alltag, dachte viel nach und so weiter, und kann auch heute noch expertengleich sagen: Sollten Sie zu denen gehören, die immer voll gut dastehen wollen, umringt von Claqueuren, fest eingeschraubt in Stress und Zwänge, und die dabei aber halt leider auf sich selbst ein wenig vergessen, dann sind Sie, und jetzt verzeihen Sie meine Direktheit: ein bissl ein Trottel. Oder eine Trottelin, wir wollen da korrekt gendern, wiewohl ich dazu neige, in Männern öfter als in Frauen den Deppen erkennen zu können, der sich selbst nicht mehr spürt.

Jedenfalls, das ist nicht das Leben, und das sind auch nicht Sie, wenn Sie ehrlich sind.

Versicherungsvertreter, CEOs, Agenturmanager oder Chefberater mit ihren von irgendwelchen internationalen Überdrüber-Chairmen oder -Chairwomen verordneten astronomischen Umsatzsteigerungen jedes Jahr, gehören finanziell zwar zu den Reicheren in unserer Gesellschaft, emotional aber zu den Ärmsten. Wirklich wohlhabend sind die, die sich beizeiten darum gekümmert haben, irgendeine Art von – eben – Hinterland in der Hinterhand zu haben. Die auf noch einen Honorar- oder Umsatztausender mehr liebend gerne verzichten – zugunsten einer stillen Stunde mit Blick auf Wald, Wasser, Wiese oder auch eine beschaulich ins Irgendwo führende Landstraße. Die lieber Blätter in Bäumen rauschen hören als den Blutdruck im Hirn. Die im T-Shirt dem Windspiel lauschen statt dem Klirren barer Münze in feinem Zwirn.

Ich will das alles nicht verklären, Aussteigen ist an sich natürlich kein Kindergeburtstag. Erst recht nicht das völlige, totale Aussteigen auf Dauer.

Sagen wir es, wie es ist: Aussteigen will geplant, gekonnt und auch finanziert sein. Die Mär von endloser Liebe am endlosen Strand, vom sorgenfreien Leben voll Musik, Magie und Makellosigkeit auf einer griechischen oder sonstigen Insel ist – eben eine Mär. Aussteigen, auch Aussteigen auf Zeit, kostet Geld. Und sogar Nerven, jedenfalls zu Beginn, wenn man nicht aufpasst. Ein Leben ohne Beschwerlichkeiten kann mitunter ganz schön beschwerlich sein, wenn´s blöd hergeht. Doch wenn man die Sache gut, richtig dosiert und fein vorbereitet angeht, zahlt sie in ein fortan glücklicheres Leben ein.

Ich bin ja selbst auch ein kleiner Teilzeit-oder-so-irgendwie-Aussteiger. Meinen stressbelasteten und emotional belastenden Redaktionsschreibtisch zuerst im Format und dann im trend habe ich längst aufgegeben, weil ich lieber mir selbst als den Launen einer Chefredaktion verantwortlich bin. Die negative Folge: Ich bin arm wie eine Kirchenmaus und muss sehr kreativ rechnen, um als freier Autor – verarmter Schriftsteller quasi – über die Runden kommen zu können. Die positive Folge: Ich bin glücklich, zumindest glücklicher als vorher. Ich lebe im Sommer so, dass ich beständig über Wasser schauen kann. Also weiß ich, wovon ich rede.

Und so habe ich zum Abschluss noch drei oder vier Tipps für Sie.

Erstens: Fragen Sie einmal in vertrauensvollen Stunden in Ihrem Bekanntenkreis herum, wer insgeheim so ein bissl, hier und da, vom ganzen oder teilweisen Aussteigen träumt. Sie werden sich wundern.

Zweitens: Nutzen Sie die überstandene Pandemie mit all ihren Folgen, um zumindest einen Hauch von neuer Ordnung in Ihr Leben zu bringen. Wenn Sie immer schon geträumt haben, dies oder jenes zu machen, nur konnten Sie nicht, weil halt das Leben und das Geld und die Zwänge und so weiter – Sie sehen ja nun, wie schnell alles den Bach runtergehen kann. Also beginnen Sie jetzt, genau jetzt, mutig und zuversichtlich Ihr Träumen in die Wirklichkeit zu transportieren. Ich verspreche Ihnen: Sobald Sie anfangen, in Ihrem Tun kompromisslos zu werden, geht plötzlich alles ganz leicht.

Und drittens: Ich stieß bei der Recherche auf ein höchst, höchst cooles Buch. Es heißt „The Hinterland“ (Sie merken, ich habe den Titel dieses Blogposts ein klein wenig geklaut) und beschäftigt sich mit Secret Hideaways im besten Sinn des Wortes – sehr kühle Hütten, Chalets, Cabins in the Woods und so weiter. Was für das Auge und was für das Gemüt, ein Coffeee Table Book im besten Sinn. Sie können sich das besorgen, indem Sie hier klicken.

Jeden Frühling, immer wieder, immer wieder: Die Menschen werden eigenartig.

Die meisten fühlen sich von warmen Lüften umtanzt, von Düften umschmeichelt, die anderen treten zur großen Balz an, die nächsten satteln ihre Fahrräder, tauschen graue Roben gegen farbenfrohe Kleider und fühlen sich von einem Tag auf den nächsten bereit, jetzt aber wirklich dem ganz prallen Leben die Türe zu öffnen, glücklich zu sein auf Teufel komm raus – bis zum Sommer, in dem man dann über die Hitze schimpfen kann und die Miniatur des Frohsinns wieder Geschichte wird.

In Wahrheit aber wohnt der Frühling in uns.

Er besucht uns das ganze Jahr, wenn wir ihn nur hereinbitten.

Er ist ein Gefühl, eine verwunschene Freude, eine Melodie im Kopf, ein Zustand permanenten Wohlwollens. Der Frühling ist ein Gedicht, das wir uns selbst aufsagen können, wann immer wir wollen. Tag, Nacht, im Sommer, Winter, Herbst, in schweren und in leichtfüßigen Zeiten – das Gedicht reimt sich immer. Der echte Frühling ist der Donauwalzer unter den Jahreszeiten, den kann man immer spielen.

Die vielen Eigenartigen jedoch, denen die Poesie plötzlich Ende März in die sonst braven Beamtenhirne schießt, die behaupten, sie befänden sich mit einem Mal im Besitz von Versen, Vögel würden sie umflattern, sie fühlten sich umspielt von Luftigkeit und Leichtigkeit, von Licht und Liebe, diese vielen Eigenartigen sind mit Vorsicht zu genießen. Ich bin ganz sicher: Der wirkliche Frühling, der echte, der reine, der besondere, der ist das ganze Jahr über anwesend. Er macht es sich in uns drinnen gemütlich – oder eben nicht.
Entweder wir müssen auf den Mai warten, oder wir haben ein Jahr lang Mai.

Für die Bunten unter uns blüht immer alles, die Grauen bleiben eine Schattierung von Schwarz, solange sie leben.

Für sie ist selbst der schönste Kalenderfrühling, der wärmt und schmeichelt und streichelt, auch nicht viel mehr als nur ein stilles Mädchen, ängstlich, zart, und aus den Straßen einer Nacht, die Winter heißt.

Ich freue mich sehr, dass dieser Text „Die Schwäne von Galway“ den Journalistenpreis 2020 in der Kategorie Blog erhalten hat, der von Tourism Ireland jährlich ausgeschrieben wird:

Ein stiller, ansatzweise schauriger, vor allem aber ein schöner kleiner Spuk in Galway: Kurz vor Mitternacht ist der Long Walk, die Uferpromenade des Corrib mit den bunten kleinen Häusern, längst in finsterer Stille versunken. Der Fluss fließt bei High Tide mit zärtlichem Flüstern glatt wie ein Spiegel hinaus in die Galway Bay. Und auf einmal, jede Nacht gegen halb zwölf, löst sich aus der großen Community der Claddagh-Schwäne in der Dunkelheit drüben an Nimmo´s Pier eine stattliche Gruppe, lässt sich im Zeitlupentempo und in völliger Ruhe quer über das Wasser herüber ans andere Ufer treiben, langsam, ganz langsam, in aller Behäbigkeit dieser Welt, und schickt sich an, die Kaimauer des Long Walk entlang flussaufwärts Richtung Spanish Arch zu paddeln. Hintereinander, in Reihe und Glied, fein aufgefädelt wie an einer Schnur, gelassen und ohne jede Hast, verschwindet die Kompanie dort schließlich wieder ins Schwarz der irischen Nacht hinein. Eine schweigsame Schwanen-Prozession, ein nie gesehenes gemeinschaftliches mitternächtliches Spazierenschwimmen, dessen Grund oder Anlass niemand kennt.

Die Claddagh-Schwäne also. Sie bevölkern die Corrib-Mündung in die Galway Bay, die bei Flut wie ein See ist, bei Wind wild zerwühlt, bei Windstille sanft säuselnd, in Dutzendschaften. Gut hundert Schwanenköpfe oder mehr zählt diese Community. Die Galwayer, vor allem die Älteren, die das frühere, ursprüngliche Galway noch kennen, bevor es während des Keltischen Tigers zur pulsierenden, modernen Business- und Studentenstadt von heute wurde, verehren die Schwäne. Sie waren immer schon da, ganz früher bereits, als es das alte Lehmhüttenviertel „The Claddagh“ noch gab, genauso wie heute. Sie durchpflügten die Corrib-Mündung während des rasanten ökonomischen Aufstiegs der 1980er- und 1990er-Jahre ebenso wie in vergangenen Jahrhunderten, als Irland noch das Armenhaus Europas war und vor allem sein wilder Westen eine Enklave von Rückständigkeit und Tradition. Und sie paddeln auch heute noch vor Ort durch das Wasser vor Nimmo´s Pier. Doch die Claddagh-Schwäne sind nicht irgendwelche Schwäne. Sie gelten unter den Einheimischen als das „Herz des Claddagh“ und die Legende bescheinigt ihnen eine ganz besondere Herkunft, einen schwermütigen Ursprung, der aus dem Tod geboren wurde, immer wieder neu, Jahrhunderte lang.

Das Herz des Claddagh

Das alte Lehmhüttenviertel am westlichen Corrib-Ufer, der längst zugunsten fahler Einfamilienhäuser abgetragene Claddagh, war für Galway Hunderte Jahre lang wichtig. Dort lebten früher spezielle Menschen, die außerhalb der Gesetze und Rechtsprechung jener 14 Familien standen, die Galway traditionell regierten und aus deren Kreis der jeweilige Bürgermeister kam. „City of the Tribes“, Stadt der Geschlechter, heißt Galway deswegen auch. Im Claddagh aber lebten die Outlaws. Sie waren unentbehrliche Fischer, belieferten die Stadt mit ihrem Fang und konnten sich deshalb einer Sonderstellung erfreuen. Angeführt wurden sie von einem König, den sie aus ihrer Mitte jeweils selbst wählten. Dieses kleine, von allen Zentralmächten unautorisierte Königreich existierte nicht in Reichtum, dank der Fischereikunst seiner Bewohner aber auch nicht wirklich in Armut.

Als die Briten nach Irland kamen und über Jahrhunderte blieben, zwangen sie die jungen Männer des Claddagh immer und immer wieder in ihre Armeen, um in den diversen Eroberungskriegen als Kanonenfutter zu dienen. Irisches Blut zählte im Empire nicht viel, und Claddagh-Blut erst recht nicht. Regelmäßig wurden die Lehmhütten von ihren jungen männlichen Bewohnern regelrecht entvölkert, die dann meist einsame Tode in fremden Schlachten um fremde Länder starben.

Jetzt die Legende

Aber sie verschwanden nicht von der Welt, so weiß es zumindest die Legende, die von den älteren Bewohnern Galways nach wie vor mit Enthusiasmus weitererzählt wird, vor allem an Besucher der Stadt. Die Seelen der Claddagh-Soldaten wider Willen kamen zurück nach Hause, zurück nach Galway, zurück in den Claddagh. Sie lebten und leben in den Schwänen weiter. Kein Wunder, dass es so viele sind. Sie schwimmen den Corrib auf und ab, sind dort, wo ihre Lieben lebten, auch wenn sie keine Menschen mehr sind. Deshalb behandeln die Galwayer diese Schwäne mit solchem Respekt. Denn im versponnenen Irland, in dem Banshees, Leprechauns, Feen und Märchen immer noch fester Bestandteil des Bewusstseins vieler Menschen sind, steht man Legenden aller Art mit einer ordentlichen Portion Glaubensbereitschaft gegenüber. Gestandene Mitteleuropäer, denen Geschichten immer fremder werden, weil sie lieber Social-Media-Postings und organisierten Lügen statt den verzauberten kleinen Schwindeleien in Märchen glauben, können davon nur lernen.

Jede Nacht wiederholt sich die spukhafte Schwanenwanderung über den Corrib von Nimmo´s Pier zum Long Walk hinüber, den Kai hinauf und oben beim Spanish Arch dann wieder über den dort schon schmäleren Fluss zurück zum Ausgangspunkt. Es zahlt sich aus, am kniehohen Mäuerchen des Long Walk zu sitzen, das Straße und Wasser voneinander trennt, und dem Vorbeidefilieren der Schwäne zuzusehen. Wer Zeit hat und an Märchen glaubt, kann jedem einzelnen Schwan zunicken, so langsam geht alles vonstatten, und stille Zwiesprache mit den längst gegangenen Soldaten des Claddagh halten.

Und dann vielleicht, wenn man für einige Zeit in Galway zu Besuch ist, dieser bunten, charmanten, geschäftigen, zweifellos ein wenig durchgeknallten aber dennoch seriösen Studenten- und Business-Stadt an Irlands wilder Westküste, kann man am nächsten Tag einen Spaziergang unternehmen: Rüber zu Nimmo´s Pier, die Schwäne begrüßen, und dann „do as the Galwegians do“ – den Soldaten des Claddagh den Respekt erweisen und die Schwäne von Galway, die in der vergangenen nächtlichen Begegnung  zu Freunden oder zumindest Bekannten  geworden sind, mit irischem Sodabrot füttern.

Yes, ein bissl bin ich tief drin in meinem innersten Ich in mikroskopischen Ansätzen ein Snob – nicht gern allerdings, und wohl eh nur in jenem Ausmaß wie jeder und jede von uns.

Jedenfalls muss ich zugeben: Ich bemitgliede am Mondsee einen Segelclub. Hauptsächlich deshalb, weil es gar nicht anders geht, besitzt du ein Boot und willst es irgendwo sicher vor Anker liegen haben. Die Nonna Nones – vielleicht erzähle ich Ihnen hier demnächst einmal, was es mit diesem Namen auf sich hat –  ist mir lieb und teuer, die will ich nicht an einer beliebigen Boje weit draußen im Wasser ihrem Schicksal überlassen. Ich weiß sie lieber in Sicherheit, vertäut an einem Steg meines Vertrauens. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang kurz erwähnen, dass der Segelclub Schwarzindien – ja, Sie dürfen sich über den kuriosen Namen gerne lustig machen, aber den Ort Schwarzindien gibt es am Mondsee wirklich, was eine andere Geschichte ist, die ich Ihnen sicher ebenfalls irgendwann einmal erzählen werde – lassen Sie mich also erwähnen: Der Segelclub Schwarzindien ist in Sachen Snobismus wirklich unverdächtig – sehr liebe Menschen dort, alle ganz normal, alle freundlich, alle bodenständig, Sie werden hier kaum Gspritztes vorfinden. Man kann sich wohlfühlen.

Doch es geht heute um etwas anderes: Es geht ums Schifferlfahren. Und da steht seit jeher eine Frage im Raum, über die streiten sich die Schifferlfahrer überall und niemand kennt sich aus, selbst im Segelclub Schwarzindien nicht. Nämlich:

Wann sagt man Boot, wann sagt man Schiff, und wann sagt man Yacht?

Sehr passend, dass ich mich vor einiger Zeit mit Michael Frauscher traf. Frauscher ist einer der Chefs der formidablen Frauscher-Werft am Traunsee, die ganz außerordentliche Yachten baut, von klein bis groß. Warum also nicht die Gelegenheit nützen und ihn fragen, der es ja wohl wissen muss? Wir standen in der großen Werkshalle an Deck einer bereits fertigen Luxusyacht – knapp 15 Meter lang, schwarz wie die Nacht und über eine Million Euro teuer, ein Ding aus einer anderen Welt, das auf die Abnahme durch seinen künftigen Besitzer wartete, einem deutschen Star-Architekten – und Frauscher erzählte mir ohnehin gerade Wunderstories aus dem Yachtbau.

Also, ich fragte:

Wann sprechen wir von einer Yacht und wann von einem Boot, Herr Frauscher?

Das wisse eigentlich niemand so genau, antwortete er, die Angelegenheit sei eine fließende und sehr oft der Beurteilung ihrer jeweiligen Betrachter überlassen. Frauscher bot mir jedoch die von ihm persönlich entwickelte Erklärung an, welche, so sagte er, ihm gegenüber bislang noch niemand schlüssig widerlegen habe können:

Eine Yacht ist es dann, wenn man zu ihrer Bewegung einen Käptn braucht. Kommt man ohne Käptn aus, ist es ein Boot.

Okay – und was ist dann ein Schiff, Herr Frauscher?

Ein Schiff sei alles, was kommerziellen Angelegenheiten im Sinne der Beförderung von Fracht oder Personen in nennenswertem Ausmaß diene und ebenfalls einen Käptn vonnöten mache, lautete die Antwort.

Gut, dann wissen wir das jetzt und haben etwas fürs Leben gelernt.

Jedenfalls, ich sah in der Frauscher-Werft, die zu den drei größten im deutschen Sprachraum und zu den zehn größten in Europa zählt, Boote in allen Entstehungsstufen. Kleine Elektroboote genauso wie große Boote mit Verbrennungsmotor  – die eigentlich Yachten sind, aber weil Frauscher einen sehr unprätentiösen Zugang pflegt und es lieber sieht, wenn die Eigner selbst pilotieren, was auch meistens der Fall ist, reden wir eben von Booten. Alle totaler Luxus, alle unglaublich cooles Design. Frauscher lässt bei Gerald Kiska zeichnen, wohl einer der bekanntesten Österreicher der Design-Zunft. Und dazu auch noch bei einem jungen, einheimischen Traunseer, der einen Namen trägt, kein Schmäh jetzt, welcher den Erfolg praktisch unwiderruflich vorgibt:

Der Mann heißt Stephan Everwin.

Ich meine: Everwin! Frei übersetzt: Gewinnt immer. So musst du einmal heißen. Ich sah einige Everwin-Entwürfe, die Frauscher-Werft hat nämlich Revolutionäres in Planung, und war begeistert. Nomen est Omen.

Jedenfalls, beim entspannten Plaudern an Deck des edlen schwarzen Architekten-Luxusmonsters, welches, erst einmal im Wasser um die Balearen, auf den Namen Xerxes hören wird, lernte ich bei zwei Fläschchen Eggenberger-Bier spannende Dinge über das Schifferlfahren. Michael Frauscher erzählt gern davon, und er ist der festen Überzeugung, wenn man auf einem Boot über Boote plaudere, müsse stets ein Bierchen zur Hand sein, was das Erzählen dann umso geschmeidiger werden lässt. Ich werde Ihnen in der erwähnten Story einige der Schnurren weitergeben. Auch ein paar Schrullen superreicher Eigner werden dabei sein, die in der Frauscher-Werft Boote in Auftrag gaben, die von ihrer Größe, Ausstattung und den Kosten her betrachtet eigentlich Yachten sind. Doch selbstverständlich ohne Namen, denn wir wollen ja diskret bleiben. Aber ein paar Kaliber sind schon darunter, soviel kann ich Ihnen verraten.

Zum Abschied schenkte mir Michael Frauscher noch einen Spielzeug-Truck mit einem Frauscher-Boot drauf. Für Sie, liebe Blogleser und Innen, halte ich jetzt noch einen Tipp parat: Falls Sie daran denken, sich ein Wohnmobil anzuschaffen, vielleicht in der Pension oder so – überlegen Sie doch, ob nicht ein schniekes Frauscher-Elektroboot die bessere Wahl wäre. Frauscher hat auch kleine Design-Modelle im Programm, deren Anschaffungs- und Betriebekosten mit einem Camper vergleichbar sind. Sie tragen elitäre Namen wie San Remo, Alassio oder Mirage. Sowas will man doch haben, oder?

Sie wissen das vielleicht nicht, aber ich bin der weltbeste Aufsmeerschauer. Ein echtes Naturtalent. Niemand kann das so wie ich. Glücklich das Meer, das von mir beschaut wird.

Die Welt ist ja voller Menschen, die gerne über Wasser blicken, in welcher Form auch immer, aber im Vergleich zu mir sind sie alle bemühte Amateure. Denn ich betreibe die Sache mit einer Hingabe, die nur jemand an den Tag legen kann, der aus einem Binnenland stammt.

In Graz, wo ich aufgewachsen bin, gibt es die Mur, die ist ein Fliegenschiss von einem Gewässer. Dazu den Thalersee und den Hilmteich, beides Pfützen und auch das nur, wenn sie sich anstrengen. Mehr Wasser ist da nicht, schon gar nicht Meerwasser. Also wächst in einem Grazer Kind der 1960er und 1970er-Jahre, das mit viel Glück der elterlichen Peter-Alexander-Humptatatrallala-Ideologie des sinnlosen Trällerns von Belanglosigkeiten entwischt ist, dem aber zumindest ein wenig Südländisches im Blut liegt, weil irgendwann italienische Vorfahren im Spiel waren, automatisch die Sehnsucht nach dem ganz Großen, dem ganz Weiten. Man ist dann einfach tief in den Genen ein bissl touched bei the rivers and kissed by the sea, vor allem kissed by the sea. Als ich zum ersten Mal das Meer sah – meine Eltern transportierten mich als Dreijährigen an den Hausmeisterstrand von Lignano – wusste ich: Das hier ist zwar noch gar nichts, aber immerhin ist es das Meer. Und das Meer ist alles.

Von da an ging das nie mehr weg. Ich schaue aufs Meer, wann immer und wo immer ich kann. Mit einer Professionalität, möchte ich anmerken, die nur wenige draufhaben. Ich halte das stundenlang durch. Wenn es sein darf, auch tagelang.

Zum Beispiel die letzte Woche des soeben vergangenen Jahres. Ich saß an der Schlossmauer des kleinen weißen Castello von Miramare und starrte aufs Meer. Ich bevölkerte die Kaimauer des Minihafens von Duino ein paar Kilometer weiter und bestaunte einen unglaublichen Sonnenuntergang über Meerwasser. Ich blinzelte beim Aufwachen aus dem Fenster vor meinem Hotelbett und sah direkt auf das Glitzern hinaus, das die Vormittagssonne über den Golf von Triest legte. Ich fuhr hinüber nach Grado und sah aufs Meer. Ich spazierte vom Hotel Riviera wieder hinüber nach Miramare, setzte mich wieder  an die Mauer und starrte wieder und weiter aufs Meer. Am Weg dorthin machte ich in Grignano, ein Minihafen auch dieses, Halt, um mich hinzusetzen – und aufs Meer zu starren. In fünf Tagen Triest kam ich auf gut 36 Stunden gefühltes Aufsmeerschauen, schätze ich.

Sie fragen sich jetzt als ordentlicher Mitteleuropäer natürlich: Was nützt´s? Ist ja eh klass, aber Meer ist Meer, und genug ist genug. Man muss sich ja auch um seriöse Dinge kümmern, die was bringen. Aufsmeerschauen? Dieses ganze schöngeistige Zeugs schafft schließlich kein Bares heran.

Jetzt aber: Seien Sie nicht so ernsthaft.

Schieben Sie ihre vernunftdominierte Alltagsbewältigung einmal zur Seite und tun Sie mehr und öfter Dinge, die nichts Finanzielles bringen und deren Nutzen sich womöglich erst verzögert und verklausuliert in Ihren Alltag schleicht – so, dass Sie ihn vielleicht gar nicht direkt bemerken. Tun Sie was Buntes. Schauen Sie zum Beispiel mehr aufs Meer. Das weitet die Seele. Das bringt Luft in die Lungen und Licht ins Gehirn. Ihnen wird dann später mehr einfallen, als wenn Sie nicht aufs Meer geschaut hätten. Das können Sie wiederum in akzellerierenden Erfolg in Job, Business und allem Möglichen transferieren. Wenn Sie wollen. Sie können das Plus an positiver Emotion aber auch einfach für Ihr persönliches Seelenheil verwenden – wie ich das tun würde. Wer vor Ideen sprüht, weil er viel aufs Meer geschaut hat, dem geht´s im Leben jedenfalls insgesamt besser, glauben Sie mir das einfach.

 Lassen Sie mich Ihnen jedenfalls an diesem ersten Tag des neuen Jahres einen guten Vorsatz verklickern, der Ihnen mit Sicherheit die Seele zuflauschen wird, wenn Sie ihn beherzigen:

Schauen Sie heuer mehr aufs Meer!