Lesen im schönen Lamingtal
Seids ia zwoa Briada?, fragte ein Tragösser arglos und warf einen investigativen Blick auf mich und den neben mir stehenden Herrn Magister Puchleitner, seit etwas über einem Jahr Impresario des formidablen Heimatmuseums im beschaulichen obersteirischen Örtchen Tragöß. „Er is mei klana Bruada“, antwortete ich und die beiden Herren Puchleitner grinsten. Cousin Wolfgang, der einige Jahre mehr auf dem Buckel hat als ich, aber tatsächlich aussieht als wäre er der Junge und ich der Alte, rückte die Verwandtschaftsverhältnisse dann aber gleich in den richtigen Kontext. Alle waren fröhlich und auch die angereiste weitere Cousine Gundi und ihr Mann Herbert lachten herzlich.
Jetzt aber – was war der Grund für das höchst seltene, informelle kleine Cousin- und Cousinentreffen?
Wolfgang hatte im Rahmen des von der steirischen Landesregierung jährlich veranstalteten „Vorlesetages“ (alle in der Steiermark lesen alles für alle oder so irgendwie jedenfalls) ins kleine, aber höchst kuschelige, erstklassige Heimatmuseum Tragöß zu einer Lesestunde geladen. Gattin Huberta las aus den Briefen einer Einheimischen aus der Einsamkeit eines Seniorenheimes, ein waschechter pensionierter Polizeigeneral erklärte die Schlacht beim nahen St. Michael aus den österreichisch-französischen Koalitionskriegen, eine Tragösserin las Passagen aus einem lokalen Text und ein von der Bücherei Hollerbusch im Nachbardörfchen St. Katharein entsandtes Damen-Quartett brachte ein Ständchen dar. Wolfgang, in seiner Pension quasi Chefhistoriker des ganzen Lamingtals, las aus seinem Buch über die Geschichte der wunderschönen Gegend. Den Abschluss machte ich mit ein paar Seiten aus „Der Wald“.
Die Hütte war voll, die Tragösser und Tragösserinnen ließen das Heimatmuseum beinahe aus den Nähten platzen, sie waren engagiertest bei der Sache, lauschten interessiert, klatschten enthusiasmiert, kurz: Es war super. Sie kauften sogar ein paar Wälder. Womöglich aus Mitleid, weil ich mich als früherer Wirtschaftsjournalist vorstellte, der inzwischen als verarmter Schriftsteller vom Schreiben darbt, was natürlich schwer dramatisiert ist. Doch wenn man Geschichten schreibt, kommt man ohne ein bissl Flunkern und Übertreiben halt nicht aus. Vielleicht gefiel dem Publikum ja auch nur die Kostprobe aus dem Roman, man weiß es nicht. Ich wurde jedenfalls einige Exemplare los und tankte auf der Heimfahrt gleich einmal voll. Auf jeden Fall war ein Ausmaß an Interesse für Geschriebenes vorhanden, das ich dem schönen kleinen Ort und seinen freundlichen Bewohnern und Bewohnerinnen nie zugetraut hätte.
Zwei Empfehlungen: Erstens, machen Sie einen Ausflug. Fahren Sie nach Tragöß, besuchen Sie das Heimatmuseum, meinetwegen auch den nahen Grünen See, der allerdings derzeit etwas, naja, sagen wir: außer Form geraten ist. Sie werden’s mögen. Vor allem besuchen Sie zweitens die Bücherei Hollerbusch, privat und mit großem Engagement betrieben von der rührigen Christine Fürpaß. Und leihen Sie dort, sollte Sie der Hafer stechen, ein Exemplar von „Der Wald“ aus. Sie unterstützen damit diese kleine, feine Bibliothek. Denn selbstverständlich – schließlich fühle ich mich mit allen, die Geschriebenes promoten, in höchstem Maße solidarisch – habe ich Frau Fürpaß sofort mit drei Exemplaren für ihren Fundus ausgestattet. Ich hoffe, die finden im Laufe der Zeit viele Leserinnen und Leser im schönen Lamingtal. Ich fahre dort sicher bald wieder einmal hin. Den klan Bruada besuchen, sozusagen. +++


