Das Mädchen Frühling

Jeden Frühling, immer wieder, immer wieder: Die Menschen werden eigenartig.

Die meisten fühlen sich von warmen Lüften umtanzt, von Düften umschmeichelt, die anderen treten zur großen Balz an, die nächsten satteln ihre Fahrräder, tauschen graue Roben gegen farbenfrohe Kleider und fühlen sich von einem Tag auf den nächsten bereit, jetzt aber wirklich dem ganz prallen Leben die Türe zu öffnen, glücklich zu sein auf Teufel komm raus – bis zum Sommer, in dem man dann über die Hitze schimpfen kann und die Miniatur des Frohsinns wieder Geschichte wird.

In Wahrheit aber wohnt der Frühling in uns.

Er besucht uns das ganze Jahr, wenn wir ihn nur hereinbitten.

Er ist ein Gefühl, eine verwunschene Freude, eine Melodie im Kopf, ein Zustand permanenten Wohlwollens. Der Frühling ist ein Gedicht, das wir uns selbst aufsagen können, wann immer wir wollen. Tag, Nacht, im Sommer, Winter, Herbst, in schweren und in leichtfüßigen Zeiten – das Gedicht reimt sich immer. Der echte Frühling ist der Donauwalzer unter den Jahreszeiten, den kann man immer spielen.

Die vielen Eigenartigen jedoch, denen die Poesie plötzlich Ende März in die sonst braven Beamtenhirne schießt, die behaupten, sie befänden sich mit einem Mal im Besitz von Versen, Vögel würden sie umflattern, sie fühlten sich umspielt von Luftigkeit und Leichtigkeit, von Licht und Liebe, diese vielen Eigenartigen sind mit Vorsicht zu genießen. Ich bin ganz sicher: Der wirkliche Frühling, der echte, der reine, der besondere, der ist das ganze Jahr über anwesend. Er macht es sich in uns drinnen gemütlich – oder eben nicht.
Entweder wir müssen auf den Mai warten, oder wir haben ein Jahr lang Mai.

Für die Bunten unter uns blüht immer alles, die Grauen bleiben eine Schattierung von Schwarz, solange sie leben.

Für sie ist selbst der schönste Kalenderfrühling, der wärmt und schmeichelt und streichelt, auch nicht viel mehr als nur ein stilles Mädchen, ängstlich, zart, und aus den Straßen einer Nacht, die Winter heißt.