Recherche und Kunst am Attersee
Wir an den Salzkammergut-Seen, wir wissen ja, was sich gehört. Mehr als zwei Wochen ist es nun schon wieder her, da wurde „Der Wald“ im Segelclub Schwarzindien präsentiert, Lesung des Autors – das wäre dann also ich – inklusive. Es war ein wunderbarer Sommerabend, spannendes und vor allem sehr interessiertes Publikum, ein lauer Ausklang der Hitzewelle, das tolle Ambiente direkt am Ufer des Mondsees, alles von der feineren Sorte mit lauter gut gelaunten Menschen. Die lokalen Bürgermeister, natürlich eingeladen, sind nicht erschienen. Du musst dir als Zuagroaster die Gunst der heimischen Politik eben schwer erarbeiten und da spielt es keine Rolle, ob du jetzt schon das zehnte Jahr da bist oder nicht und ob deine Mutter Mondseerin war oder nicht, dein Großvater einen der großen Gasthöfe am Dorfplatz betrieben hat oder nicht. Das ist ein wenig wie das Bohren harter Bretter. Dafür war ein Mitglied des Kulturausschusses vor Ort, und das ist ja nicht nichts.
Vor allem aber freute ich mich, und jetzt komme ich zum Thema, über den Besuch von Christine Perseis.
Christine, Sie sehen sie oben im Bild, das ist nämlich nicht nur eine ganz Liebe. Zugezogene Mondseerin auch sie, ist sie vor allem eine unglaublich talentierte, unglaublich spannende Küsntlerin. Ich gehe soweit zu behaupten, Perseis ist eine der interessantesten Bildhauerinnen des Landes. Glauben Sie’s mir, Sie werden noch viel von ihr hören. Ihre Stahlskulpturen zieren öffentliche Plätze in Bad Ischl, Ried, Passau, Ingolstadt, St. Gilgen und so weiter. Sie bringt mit Plasmaschneider, Schweißbrenner und allen möglichen anderen Gerätschaften großartige Dinge zustande. Gar nicht so wenige Auszeichnungen hat sie in den eineinhalb Jahrzehnten, in denen sie die Bildhauerei nun betreibt, schon erhalten. Kurz gesagt: Christine ist, vor allem mit ihrer Vita, die sie aus dem sinnlosen Stress einer Werbeagentur in die Bildhauerei geführt hat, nicht mehr und nicht weniger als eine Inspiration. Besonders für einen wie mich, den seine Vita aus dem sinnlosen Stress der PR und dem menschenverachtenden Treiben egomanischer Chefredaktionen nun in die Schriftstellerei geführt hat.
Jetzt aber Recherche und Attersee: Gestern hatte Perseis eine Vernissage direkt am Seeufer, im grandiosen Grafengut. War ja völlig klar, dass ich mit Verena und Hubert von der Gallneukirchner Agentur LAFFERENTZ Studio, die mich als Autor ab sofort betreut, die Höflichkeit eines Besuches zurückgeben wollte und anreiste. Grafengut also, das Wetter diesmal wie im Herbst, beinahe ein irischer Frühabend mit Regen, Wolken im Tiefflug, Wellenschlag, atmosphärische Dramatik also, alles super passend zu Christines Skulpturen, die lose verteilt im Park unter den alten Bäumen vor sich hin lümmelten. Eine Traumlocation, sage ich Ihnen. Sie können das noch eine Zeit lang selbst bewundern, die Vernissage wird nämlich für zwei, drei Wochen zur Ausstellung und die Skulpturen sind noch zu bestaunen.
Was ich an Christines Kunst besonders mag, ist die Unendlichkeit. Sie hat ihre ganz eigene Art, das Thema „Infinity“ in ihre Bildhauerei einzuarbeiten. Ich erkannte das sofort, als ich zum ersten Mal das Foto einer ihrer Skulpturen sah: eine Möbius-Schleife! Sie werden das wahrscheinlich googeln müssen, aber die steht für alles, was sich in sich selbst schließt. Ich bin ja sogar der Ansicht, Möbius-Schleifen sind ein Synonym für die Raumzeit unseres Universums, die ja auch nicht als jene Abfolge von Augenblicken vergeht, wie unser Gehirn das fälschlicherweise wahrnimmt. In Wahrheit vergeht Zeit gar nicht, sondern ist in sich geschlossen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, das gibt es tatsächlich alles nicht, Einsteins Spezielle Relativitätstheorie besagt das. Und die hatte bisher mit allen ihren Vorhersagen recht, also wird’s wohl so sein. Alles ist immer da, an einem Punkt im vierdimensionalen Koordinatensystem von Raum und Zeit.
Aber das ist eine andere Geschichte. Die Möbius-Schleifen aus dem Atelier Perseis jedenfalls gibt es im Großen, im Kleinen, in allen möglichen Variationen, und sie sind alle gleich wundersam. Ich liebe jede Einzelne.
Kleiner Spoiler übrigens, weil wir schon beim Thema Kunst sind: Gemeinsam mit dem LAFFERENTZ Studio plane ich ein Buch mit Porträts von besonderen Menschen aus dem Salzkammergut – Menschen, die etwas Besonderes tun, etwas besonders gut können, also in der einen oder anderen Weise einzigartig sind. So wie Christine, die Bildhauerin. Schön geschrieben und reich bebildert, eine Art Coffeetablebook halt. Ich freue mich schon richtig auf die Recherchen, die mit dem Besuch der gestrigen Vernissage im Grafengut am Attersee begonnen haben. Erscheinungstermin? Weiß ich natürlich noch nicht – die Zukunft, die es ja eigentlich gar nicht gibt, wird es zeigen. Ich verspreche: Sie werden die passende Koordinate der Raumzeit rechtzeitig erfahren. +++


