In der Hinterhand das Hinterland
Vor Jahren, mitten in der Corona-Pandemie, beschäftigte ich mich in der Magazin-Beilage Werte mit Zukunft der Tageszeitung Der Standard mit der Ruhe nach dem Sturm. Was das bedeuten soll? Es ist doch so: Uns alle ging dieses Dingsbums mit dem Virus, den Lockdowns, den hilflosen politischen Entscheidungsträgern und den vielen Einschränkungen sehr auf die Nerven, oder? Wen man auch fragt, selbst heute noch, fast jeder jede sagt ungefähr: Oh Mann, sehnte ich mich damals nach einer Zeit, in der der Sturm vorbei ist. In der wir wieder zur Ruhe kommen können, weil wir nicht mehr zur Ruhe gezwungen werden.
Also dachte ich mir damals, wenn ein Magazin schon Werte mit Zukunft heißt, was ja recht gespreizt bis gespritzt klingt, dann könnte man sich doch ein wenig mit jenen alten Werten auseinander setzen, die ins Hintertreffen geraten sind, weil wir heutzutage alle superreich, superlässig, supersexy, supercool und super angesehen sein wollen.
Dementsprechend beschäftigt sind wir auch ständig mit dem Organisieren des eigenen Lebens als eine Bühne, auf der wir tunlichst zu brillieren imstande sein wollen. Dauernd arbeiten wir an der Inszenierung und Instandsetzung einer möglichst großartigen Welt um uns herum, die voller Bewunderung für das Ego des jeweils Inszenierenden ist – also unseres. Doch wird diese Welt unversehens gestoppt, zum Beispiel eben von Lockdowns, dann ist es schnell einmal finster. Dann wird man umstandslos auf sich selbst zurück geworfen, nur um entdecken zu müssen: Da ist leider gar nicht viel. Weil das Drumherum alles war. Da beginnt man schnell, sich wieder auf eben diese alten Werte neu zu kalibrieren, die ja theoretisch immer noch vorhanden wären, die wir jedoch sanft verdrängt haben:
Muße, Ruhe, Besinnung auf sich selbst, und so weiter. Sie wissen schon.
Kein Wunder, dass am Ende des dritten oder vierten oder was weiß ich wievielten Lockdowns, die Immobilienpreise am Land durch die Decke gingen, weil alle aus der verordneten Enge der Stadt in die Weite eigener Gärten, Häuser oder gar Wälder ins Grüne wollten. Die Landflucht mutierte plötzlich zur Stadtflucht. Das ist auch heute noch ansatzweise so.
Und da ist es natürlich gut, wenn du irgendwas im Hinterland in der Hinterhand hast. Und genau darum ging es in der Geschichte: ums Aussteigen. Temporär oder permanent.
Ich sah mich in der Szene um, sprach auch mit ein paar Aussteigern, diskutierte mit Teilzeit-Flüchtigen aus dem Alltag, dachte viel nach und so weiter, und kann auch heute noch expertengleich sagen: Sollten Sie zu denen gehören, die immer voll gut dastehen wollen, umringt von Claqueuren, fest eingeschraubt in Stress und Zwänge, und die dabei aber halt leider auf sich selbst ein wenig vergessen, dann sind Sie, und jetzt verzeihen Sie meine Direktheit: ein bissl ein Trottel. Oder eine Trottelin, wir wollen da korrekt gendern, wiewohl ich dazu neige, in Männern öfter als in Frauen den Deppen erkennen zu können, der sich selbst nicht mehr spürt.
Jedenfalls, das ist nicht das Leben, und das sind auch nicht Sie, wenn Sie ehrlich sind.
Versicherungsvertreter, CEOs, Agenturmanager oder Chefberater mit ihren von irgendwelchen internationalen Überdrüber-Chairmen oder -Chairwomen verordneten astronomischen Umsatzsteigerungen jedes Jahr, gehören finanziell zwar zu den Reicheren in unserer Gesellschaft, emotional aber zu den Ärmsten. Wirklich wohlhabend sind die, die sich beizeiten darum gekümmert haben, irgendeine Art von – eben – Hinterland in der Hinterhand zu haben. Die auf noch einen Honorar- oder Umsatztausender mehr liebend gerne verzichten – zugunsten einer stillen Stunde mit Blick auf Wald, Wasser, Wiese oder auch eine beschaulich ins Irgendwo führende Landstraße. Die lieber Blätter in Bäumen rauschen hören als den Blutdruck im Hirn. Die im T-Shirt dem Windspiel lauschen statt dem Klirren barer Münze in feinem Zwirn.
Ich will das alles nicht verklären, Aussteigen ist an sich natürlich kein Kindergeburtstag. Erst recht nicht das völlige, totale Aussteigen auf Dauer.
Sagen wir es, wie es ist: Aussteigen will geplant, gekonnt und auch finanziert sein. Die Mär von endloser Liebe am endlosen Strand, vom sorgenfreien Leben voll Musik, Magie und Makellosigkeit auf einer griechischen oder sonstigen Insel ist – eben eine Mär. Aussteigen, auch Aussteigen auf Zeit, kostet Geld. Und sogar Nerven, jedenfalls zu Beginn, wenn man nicht aufpasst. Ein Leben ohne Beschwerlichkeiten kann mitunter ganz schön beschwerlich sein, wenn´s blöd hergeht. Doch wenn man die Sache gut, richtig dosiert und fein vorbereitet angeht, zahlt sie in ein fortan glücklicheres Leben ein.
Ich bin ja selbst auch ein kleiner Teilzeit-oder-so-irgendwie-Aussteiger. Meinen stressbelasteten und emotional belastenden Redaktionsschreibtisch zuerst im Format und dann im trend habe ich längst aufgegeben, weil ich lieber mir selbst als den Launen einer Chefredaktion verantwortlich bin. Die negative Folge: Ich bin arm wie eine Kirchenmaus und muss sehr kreativ rechnen, um als freier Autor – verarmter Schriftsteller quasi – über die Runden kommen zu können. Die positive Folge: Ich bin glücklich, zumindest glücklicher als vorher. Ich lebe im Sommer so, dass ich beständig über Wasser schauen kann. Also weiß ich, wovon ich rede.
Und so habe ich zum Abschluss noch drei oder vier Tipps für Sie.
Erstens: Fragen Sie einmal in vertrauensvollen Stunden in Ihrem Bekanntenkreis herum, wer insgeheim so ein bissl, hier und da, vom ganzen oder teilweisen Aussteigen träumt. Sie werden sich wundern.
Zweitens: Nutzen Sie die überstandene Pandemie mit all ihren Folgen, um zumindest einen Hauch von neuer Ordnung in Ihr Leben zu bringen. Wenn Sie immer schon geträumt haben, dies oder jenes zu machen, nur konnten Sie nicht, weil halt das Leben und das Geld und die Zwänge und so weiter – Sie sehen ja nun, wie schnell alles den Bach runtergehen kann. Also beginnen Sie jetzt, genau jetzt, mutig und zuversichtlich Ihr Träumen in die Wirklichkeit zu transportieren. Ich verspreche Ihnen: Sobald Sie anfangen, in Ihrem Tun kompromisslos zu werden, geht plötzlich alles ganz leicht.
Und drittens: Ich stieß bei der Recherche auf ein höchst, höchst cooles Buch. Es heißt „The Hinterland“ (Sie merken, ich habe den Titel dieses Blogposts ein klein wenig geklaut) und beschäftigt sich mit Secret Hideaways im besten Sinn des Wortes – sehr kühle Hütten, Chalets, Cabins in the Woods und so weiter. Was für das Auge und was für das Gemüt, ein Coffeee Table Book im besten Sinn. Sie können sich das besorgen, indem Sie hier klicken.



