Des Schreibens Einsamkeit mit Kater

Eigentlich will ich Ihnen das gar nicht erzählen. Denn für wen außer mich selbst ist es schon von Belang. Weil schließlich: Privatsphäre. Aber trotzdem, spitzen Sie die Ohren, schärfen Sie die Augen:

Schreiben ist eine einsame Angelegenheit.

Man ist dabei völlig mit sich. Die Menschen die man trifft, existieren nur im eigenen Kopf. Das Leben, von dem man erzählt, ist eine Erfindung. Selbst eigene Erfahrungen und Erinnerungen, die ja oft ins Geschriebene einfließen: bloß eine Rückschau. Ein Kopfkino, in dem ein sentimentaler Film aus der Vergangenheit für einen einzigen Zuseher läuft. Im Augenblick des Schreibens zumindest.

Da kann man schon aus der emotionalen Balance geraten. Ich wohne noch dazu als als Einer. Das bedeutet: Je öfter ich schreibe, desto balancelosigkeitsgefährdeter, weil einsamer bin ich. Man fühlt sich schnell allein beim Schreiben, das tut Texten nur selten gut. Als ich noch Journalist war, war das kein Problem, denn im Journalismus, zumindest im Nachrichtenjournalismus, ist Schreiben der kleinere Teil der Arbeit. Der größere ist die Recherche, also das Kommunizieren mit Menschen. Außerdem pferchen krisengebeutelte Medienhäuser ihre journalistischen Mitarbeiter heutzutage immer öfter in menschenverachtende Großraumbüros, um Kosten zu sparen. Da starrt man dann zwar auf immer mehr und immer größer werdende Screens, doch rundum summt, rauscht, surrt und brabbelt, kurz: menschelt es. Die Bruchstücke mannigfacher Telefonate, menschliche Befindlichkeitszeichen, drangen damals an meine Ohren. Auch das tut Texten nicht gut, doch immerhin: Es ist das Gegenteil von Einsamkeit.

Ich bin also einsam beim Schreiben. Sie dürfen ruhig Mitleid haben – sollten Sie mich kennen, greifen Sie doch ab und an einfach zum Telefon und rufen Sie mich an, um ein wenig zu plaudern. Von Gesprächen zerschnittene Strecken von Einsamkeit sind nur halb so lang.

Jedenefalls, ich schreibe derzeit an der Fortsetzung, oder besser gesagt: der Vervollständigung und Ergänzung von „Der Wald“. Erscheinen wird der neue Roman vermutlich im kommenden Herbst, er wird den Rest der Geschichten erzählen, die das Gesamtbild ergeben, dem im „Wald“ doch wesentliche Teile fehlen. Wir werden einige Protagonisten genauer kennenlernen und erfahren, warum sie so geworden sind, wie sie geworden sind. Zum Beispiel den Bösewicht Wallet oder die Wissenschafterin Schwart. Es wird sich ordentlich abspielen, soviel kann ich schon verraten. Da wird zum Beispiel einer von einer Mama gebissen, ein anderer sitzt im Gefängnis, deine dritte fackelt ein Haus am See ab, und so weiter. Es wird geliebt und gehasst gleichermaßen. A propos: Wenn ich schon dabei bin, kann ich Ihnen auch gleich den möglichen Titel des neuen Romans verraten – allerdings, ohne mit jemandem Rücksprache gehalten zu haben, da kann sich also noch etwas ändern. Mein Liebling jedenfalls: „Der Hass und die Liebe von Engeln“. Lassen Sie`s auf sich wirken und wenn Sie möchten, geben sie mir Feedback.

Aber jetzt Einsamkeit, darum geht es ja: Ich bekämpfe sie, indem ich mich zum Schreiben oft ins Kaffeehaus setze. Meistens, wenn ich in Graz bin, ins Tribeka am Murkai, zwischen Kunsthaus und Hotel Weitzer. Da sitze ich vor einem großen Fenster, von links oben grüßt der Uhrturm herunter, gegenüber, hinter dem Fluss, faulenzt die Franziskanerkirche vor sich hin. Gesprächsfetzen bespielen meine Ohren mit Angelegenheiten aus fremden Leben, willkommene Erlöser aus der Stille von zuhause. Außerdem, ganz glaube ich das selbst noch nicht: Ich habe einen Schreib-Workshop bei der Urania gebucht – auch, um beim Arbeiten unter Leuten zu sein. Ohne großspurig tönen zu wollen, halte ich mich dafür zwar schon ein wenig overdressed, immerhin lebe ich seit gut 20 Jahren vom Schreiben, unterrichte immer wieder selbst, sollte es also können.

Jedoch, die Sache hat was. Spannende Menschen aus unterschiedlichsten Welten nehmen außer mir teil, der Schreibtrainer ist gelernter Philosoph und für steirische Verhältnisse erfolgreicher Literat, ich kann also durchaus was lernen. Und die Historien anderer, die ihre eigenen Erfahrungen ernst genug nehmen, um sie aufschreiben zu wollen, sind ohnehin meins. Da bin ich von der angeborenen Neugierde des früheren Journalisten getrieben, dessen liebste Gegenstände seiner Berichterstattung immer Menschen waren, nicht Dinge oder Sachverhalte. Was also liegt näher als einen Schreibkurs zu besuchen, unter Menschen zu schreiben und dabei etwas zu lernen. Gestern ging es um erste Sätze und tatsächlich: Ich werde einige erste Sätze aus schon existierenden Wald-Episoden wohl ein wenig ummodellieren, Sie werden`s im neuen Roman begutachten können.

Zum Schluss noch eine kleine Flunkerei: Ich habe geschrieben, dass ich als Einer wohne. Das stimmt nicht ganz, denn genau genommen lebe ich in einer WG mit einer Mitbewohnerin und einem Mitbewohner. Die zwei sind meine Familie, weil ich eine echte Familie nicht so richtig habe, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Der eine, Kater Schrödinger, ist zudem mein bester Freund geworden, Sie sehen ihn oben im Bild. Er ist mir vor mehr als dreieinhalb Jahren in Mondsee als Kitten zugelaufen, seither sind wir unzertrennlich. Wie ich ist er nicht gerne allein, also zog später noch die Katze Celine Dion aus dem Tierheim in Eisenstadt bei uns ein. Ja, sie heißt wirklich so. Da hat sich eine Pflegerin aus dem Tierheim verwirklicht, aber ich sage Lini zu ihr. Lini mischt die Männer-WG von Schrödi und mir seit eineinhalb Jahren ordentlich auf.

Wird die Einsamkeit zu drückend, halten mich die beiden auf Trab. Jüngst erst etwa hat Schrödinger die Kaffeemaschine unter seine Kontrolle gebracht und im Gegenzug für ihre Freilassung unbegrenzten Snackzugang für sich selbst und Lini gefordert. Die folgenden Verhandlungen – versuchen Sie einmal, mit einem gestandenen Kater zu verhandeln, der Gene einer Norwegischen Waldkatze in sich trägt – führten zu einem Kompromiss: Die Snack-Events pro Tag wurden um einen erhöht und ich kann wieder Kaffee machen, wann immer ich will.

Als ich das gestern schrieb, saß ich übrigens im Tribeka, neben mir stand ein geeister Kaffee Latte, vor mir lag ein aufgeklapptes iPad. Wie gesagt, eigentlich wollte ich Ihnen das gar nicht erzählen, aber jetzt ist`s passiert. +++