Kurzgeschichte: Die Verschränkung

Die Verschränkung

   Die Journalistin betritt das Büro und im Kopf des Physikers tanzt etwas Tango. Haar wild wallend. Lippen knallend. Die Bluse zwei Knöpfe offen. Unterhalb seines Gürtels, spürt der Physiker, regt sich etwas. Rechte Hand Hosentasche, zuvor noch durchs gegelte Haar mit ihr.

   „Danke, dass Sie sich Zeit nehmen“, sagt die Journalistin, „ein so gefragter Mann, Experimentalphysiker, Nobelpreis-Kandidat“.

   Die Augen Riesenräder. Wimpern klimpern.

   „Ich bitte Sie“, antwortet der Physiker, „ein Wissenschaftsmagazin wie Ihres, ein ganzseitiges Interview!“

   Geste zum Sofa, er setzt sich in seinen Denkfauteuil. Überschlägt die Beine, denn da unter dem Gürtel hat etwas den Tango von oben übernommen. Auch die Journalistin, Beine übereinander. Ein mondäner Rockschlitz öffnet sich himmelwärts. Der Tango nimmt Fahrt auf.

   „Ein Experiment also“, sagt sie, „das Sie zum Nobelpreis führen könnte. Die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit. Habe ich das richtig verstanden?“

   Wieder die Wimpern. Der Physiker grinst ein Narzisstengrinsen.

   „Bestätigt, wir haben es mit einer Sache zu tun, die sich an die Grenzen der Wirklichkeit wagt. Ein Experiment, geeignet, die Antizipation der Welt auszuhebeln.“

   „Antizipation?“, fragt die Journalistin.

   Ihre Wimpern klimpern den Bolero. Der Tango tanzt dazu. In Gedanken zählt der Physiker nach. Drei Studentinnen, deren Antizipation er in diesem Semester bereits in Richtung Koitus dirigieren konnte.

   „Die Ergebnisse des Experiments sind tatsächlich geeignet, unsere Erwartung an die Zukunft, die Antizipation künftiger Ereignisse, durcheinander zu wirbeln.“

   Die Journalistin holt Luft. Unter der Bluse spannt es. Unter dem Gürtel des Physikers auch.

   „Herr Doktor“, bittet sie und beginnt, über das Thema sexuelle Anziehung durch Intelligenz nachzudenken, „erklären Sie unseren Lesern Ihr Experiment.“

   Die Journalistin spielt mit ihren Haaren. Er legt los.

   „Der Quantenradierer also, der Quantum Eraser, wie wir in der Physik sagen, Quantenmechanik ist ja eine anglo-amerikanisch dominierte Disziplin“.

   „Aber Sie als Europäer werden das radikal umkehren“, trällert die Journalistin.

   Der Physiker: „Sie wissen sicher aus den Arbeiten meines Kollegen Zeilinger, dass Elementarteilchen, die einmal miteinander interagiert haben, verbunden sind. Verschränkt, wie wir in der Physik sagen.“

   Die Journalistin nickt.

   „Verschränkt bedeutet: Was einem Teilchen zustößt, stößt auch dem anderen zu, zeitgleich, völlig egal, wie weit beide voneinander entfernt sind.“

   „Spukhafte Fernwirkung“, zitiert die Journalistin stolz Einstein.

   „Ja. Wichtig ist“, fährt der Physiker fort, „dass keine Information übertragen wird, denn Information reist mit Lichtgeschwindigkeit, benötigt also Zeit. Da die Verschränkung ohne Zeitverzögerung stattfindet und nichts im Universum schneller als Licht sein kann, sprechen wir eben von Verschränkung. Was dem einen Teilchen zustößt, verändert im selben Augenblick das Schicksal des anderen. Egal ob die Teilchen 100 Meter oder 100 Lichtjahre voneinander entfernt sind.“

   „Faszinierend“, flötet die Journalistin, „aber was hat Ihr Experiment damit zu tun?“

   Der Physiker würde der Journalistin gerne den Oberschenkel tätscheln, sitzt aber zu weit weg.

   „Durch eine spezielle Versuchsanordnung beobachten wir zwei verschränkte Teilchen, schicken sie auf unterschiedlich lange Reisen und lassen sie auf zwei Screens treffen. Sie sehen das dort drüben.“

   Die Journalistin dreht den Kopf. Am Konferenztisch zwei surrende Kästen, zwei Reihen von Spiegeln und Prismen, eine Reihe kürzer, die andere länger, an den Enden jeweils ein Screen.

   „Ich drücke auf diesen Knopf“, sagt der Physiker und greift nach einer Fernsteuerung, „und schicke zwei Teilchen los, die wir verschränkt haben. Das erste trifft früher auf seinen Screen, das zweite später. Beide Teilchen haben wir blau gefärbt, doch das zweite, später ankommende, ändern wir unterwegs, nach der Ankunft des ersten, auf Rot. Sie werden sehen, dass der Screen des ersten Teilchens blau aufleuchtet. Das zweite Teilchen, das später ankommt, ist dann rot, also leuchtet sein Schirm rot auf. Aber jetzt passen Sie auf!“

   Die Journalistin kapiert, gleich hört sie Pompöses.

   „In jenem Augenblick, in dem das zweite Teilchen auf seinen Schirm trifft, wird sich der erste Schirm von Blau in Rot umfärben, weil das zweite Teilchen mit der Farbe das Schicksal des ersten verändert hat. Und das in der Vergangenheit!

   Das bedeutet?, will die Journalistin fragen.

   „Verschränkung von Elementarteilchen funktioniert auch in der Dimension Zeit“, doziert der Physiker.

   „Was einem Teilchen in der Zukunft zustößt, ändert das Schicksal des anderen in der Vergangenheit. Eine neue Zeitlinie entsteht.“

   Die Journalistin vergisst aufs Klimpern.

   „Da wir aus Billiarden Elementarteilchen bestehen, die sich ständig miteinander verschränken, heißt das, Ereignisse in der Zukunft können unsere Gegenwart ändern. Wenn das die Welt nicht aus den Angeln hebt, was dann!“, triumphiert der Physiker.

   Die Journalistin spielt mit den Fingern am Knopf ihrer Bluse.

   „Und jetzt zeige ich es Ihnen“, sagt der Physiker, „ich schicke die zwei Teilchen los, achten Sie auf die Screens“.

   Und drückt auf den Knopf. Zwei Blitze aus den Kästen, der erste Screen leuchtet blau, dann plötzlich der zweite rot, und zeitgleich wird auch der erste rot.

   „Faszinierend“, sagt die Journalistin und entfernt ein Haar von ihrem Pulli.

   Es pendelt nach unten, durch Raum und Zeit, bleibt am Bein ihres ländlich wirkenden Hosenanzugs hängen.

   „Aber sagen Sie, Herr Magister, Sie wollten doch immer Experimentalphysiker werden, den Nobelpreis gewinnen. Ist es nicht enttäuschend, als Physiklehrer in der Provinz zu enden, nur die Verleihung eines Schulpreises zu moderieren? Wir als Lokalzeitung berichten das gerne, aber, naja …“

   Der Physiker streicht mit der linken Hand über seine spiegelnde Glatze, er starrt den leeren Besprechungstisch an. Verdammte Verschränkung, denkt er und ballt die andere Hand in der Hose zur Faust. Durch seinen Kopf stolpert ein Trauermarsch. +++